Chester bis Sierra City

In Chester treffen wir Sebastian aus Holland wieder, den wir vor zwei Monaten in der Wüste kennengelernt haben. Wir werden die nächste Etappe gemeinsam mit ihm und unserem Lousianer Kumpel Flatfoot wandern.
Die erste Nacht verbringen wir auf einer kleinen Lichtung im Wald, der Heimat von zwei verrückten Rehen. Die beiden Tiere sind kein bisschen scheu und halten uns die ganze Nacht wach, indem sie versuchen unsere Socken zu klauen, Essen aus dem Zelt zu stibitzen und Flatfoots Hängematte abzuschlecken. Sie lassen sich durch nichts verscheuchen. So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt! Völlig verkatert (oder "verreht"?) schleppen wir uns am nächsten Tag die Berge hoch und runter. Der Tag wird sehr warm und schwül und die kurze Nacht macht sich bemerkbar. Abends bauen wir die Zelte auf einer erdigen offenen Lichtung auf. Beim Essen entdecken wir Spuren von einem Bären - hoffentlich jagt er auch den frechen Rehen etwas Respekt ein.
Tags darauf wird die Landschaft deutlich abwechslungsreicher: schwarze Lavafelder, bunte Bergwiesen mit gelben, weißen und violetten Blümchen und tolle Ausblicke. Um Wasser zu bekommen muss man tief absteigen, was uns einige Zeit kostet. Dafür ist das kalte Quellwasser fantastisch! Immer wieder hören wir Hirsche aus vollem Halse im Wald röhren. Am Nachmittag schlängelt sich der Trail weiter ins Tal und es gibt einige breitere Flüsse zu queren. Wir klettern von Stein zu Stein und über improvisierte Baumstammbrücken. Plötzlich macht es "Platsch" und Flatfoot rutsch mitsamt seinem Rucksack einen kleinen Wasserfall runter... Kurz darauf hat auch Sebastian nasse Stiefel. Wir Mädels balancieren selbstverständlich gekonnt ans andere Ufer und zücken die Kamera ;-) 
Der PCT verläuft tags darauf direkt durch den Ort Belden. Belden liegt in einer tiefen Schlucht, an einem breiten Fluss. Das bedeutet an einem Nachmittag viele Meilen in der Hitze ins Tal absteigen und am nächsten Tag auf der gegenüber liegenden Seite wieder die ganze Strecke in der Morgensonne bergauf klettern (wären wir doch wenigstens andersherum gelaufen...). Der winzige Ort besteht aus einem original getreuen Western Saloon und ein paar verstreuten Häuschen entlang des Flussufers. Der Saloon Besitzer betreibt zugleich die Bar, das Restaurant, den integrierten Minishop und den RV-Park nebenan. Die Einrichtung ist wirklich filmreif...der Barkeeper auch. Wir kaufen Tokens für die Dusche und waschen uns in den wohl ältesten und dreckigsten Duschkabinen des PCTs. Aber was soll's, wir sind ja selbst nicht gerade viel sauberer... Umso schöner ist an diesem Tag unser Campspot. Nach einem super leckeren Burger mit Avocados zum Abendessen laufen wir noch ein kleines Stückchen weiter und zelten in einer traumhaften Bucht am Flussufer mit feinem, weißen Sand und schattenspendenden Bäumen. Herrlich... Wäre da nicht der Güterzug, der nachts viermal ohrenbetäubend laut neben uns am Berghang entlangrattert.
Am nächsten Morgen steigen wir also stetig wieder auf, zunächst in Serpentinen durch dichten Nadelwald. Dann auf den felsigen Bergrücken entlang durch weite, offene Landschaft. An einer grün zugewucherten Quelle etwas abseits vom Trail füllen wir unsere Wasserflaschen. Langsam wird es immer heißer und wir entdecken in einiger Entfernung unter uns einen blau funkelnden Bergsee. Anderthalb Stunden später schwimmen wir in dem erfrischend kalten See (eigentlich sind es die "Three Lakes", die jedoch soviel Wasser tragen, dass sie momentan miteinander verbunden sind) und genießen dabei die herrliche Aussicht auf die umliegenden schneebedeckten Berge. Danach läuft es sich gleich viel leichter und die nächsten Meilen bis zum Camp fliegen nur so dahin.
Unser nächster Resupply Punkt ist Quincy. Ein rasender Ami gibt uns einen Ride vom Trail in den Ort. Er prescht die kurvige Bergstraße entlang und mir wird ganz übel von der ruckeligen Fahrt. Malin wird auf der offenen Ladefläche ordentlich durchgeschüttelt. Noch etwas benommen laufen wir anschließend die Straße entlang, um eine Unterkunft für die Nacht zu suchen. Plötzlich wechselt ein uralter Pick-Up die Spur und bremst vor uns auf dem Gehweg. Terry, ein waschechter Cowboy mit coolem Hut und passenden Stiefeln, fragt ob wir PCT Hiker seien und bietet uns an, umsonst auf seiner Ranch etwa 2 Meilen entfernt zu übernachten. Wir sind erst noch etwas unschlüssig, willigen dann aber dankend ein. Erst holen wir noch ein paar Pferde von einer Weide ab, laden sie in Terrys riesigen Anhänger und dann geht's zur Ranch. Wir werden in einer leer stehenden Holzhütte einquartiert, in der normalerweise Kids, die ins Sommercamp herkommen, wohnen. Von der Weide holen wir große Wasserkübel und waschen darin unsere Klamotten. Terry fährt uns sogar zum Einkaufen in den Ort und spendiert auch noch ein Eis - was für ein Tag. Abends revanchieren wir uns mit einem Essen zusammen mit den zwei Mädels, die auf der Ranch arbeiten. Es ist interessant einen Einblick in das Leben hier draußen zu bekommen. Wir unterhalten uns über den PCT, die Arbeit mit den Pferden auf der Ranch und auch etwas über die Abgründe der amerikanischen Politik.
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns und machen noch ein paar Besorgungen bevor es zurück zum Trail geht. Nach Unmengen von Idahoen Mashed Potatoes (billig, fertig in 3 Minuten, leicht und klein zu verstauen - die Argumente sind einfach überzeugend) in den letzten Wochen werden wir mal richtig kreativ: Wir besorgen Parmesankäse, Zwiebeln und eine Luxusdose Bier, die wir abends im Camp zu fünft teilen. Damit werden die Idahoer Kartoffeln heute richtig aufgepeppt, ha!
Die nächsten Tage wandern wir hauptsächlich durch waldiges Gebiet. Wir überqueren den brausenden Middle Fork Feather River und entdecken einen herrlichen Spot für unsere Mittagsrast. Etwas flussaufwärts befinden sich sandige Flächen, direkt neben einem Eddie. Erst kühlen wir uns in dem flachen Basin ab, dann wagen wir uns weiter raus in die Stromschnellen. Der Fluss ist tief genug, um sich in den Schnellen treiben zu lassen, ohne mit den Steinen zu kollidieren, und dann flussabwärts wieder zum Ufer zu schwimmen. Was für ein Spaß! 
Zu den Sierra Buttes geht es wieder steiler bergauf. Die Ausblicke werden von Tag zu Tag besser. Riesige Täler mit eiskalten Bergseen, schroffe Felsformationen und die weißen Gipfel der Sierra. Immer wieder halten wir inne, machen Fotos und saugen die gewaltige Natur ein. Vor Sierra City treffen wir auch wieder auf einige Schneefelder. Der Schnee ist extrem rutschig und vereist. Zwar kann man die Passagen relativ einfach queren, jedoch geht es links einige hundert Meter steil bergab und unseren Hikerfreunden, die noch nie auf Schnee gewandert sind, wird ganz schwindelig.
Abends zelten wir neben einer hochgelegenen Forest Road an einem See. Gerade treffen wir Vorkehrungen, um das Essen bärensicher in die Bäume zu hängen, als wir Motorengeräusche hören. Ein Typ auf einer Enduro Maschine hält an. Er hat eine Kette mit drei Bärenzähnen um den Hals, ein verwaschenes Flanellhemd und eine abgewetzte Bikerjacke an, kurzum er sieht wie ein knallharter Naturbursche aus. Sein Name ist Will und er hält den Trail hier instand und arbeitet im abgeschiedenen Gold Lake Resort unten im Tal. Den schönen Gold Lake haben wir schon von den Bergen aus bewundern können. Kurz darauf, wir haben gerade ein Lagerfeuer entfacht und die Zelte aufgebaut, kommt Will zurück. Er setzt sich zu uns ans Feuer und packt Dosenbier, Melonenstücke, Reiscracker und eine gute Flasche Whiskey aus. Wir starren ihn ganz ungläubig an angesichts dieser unerwarteten Leckereien! Will erklärt, dass er den Whiskey von seinem Bruder geschenkt bekommen hätte und ihn sehr gerne in guter Gesellschaft mit anderen Naturliebhabern genießen würde. Na dann, Prost auf den guten Will und seinen Bruder! Der Abend wird super nett und wir kommen diesmal deutlich nach Hiker Midnight (21 Uhr) ins Bett.
Am letzten Tag steigen wir in langgezogenen Serpentinen etwa 3000 feet ab. Der Trail ist erst ziemlich überwuchert und dann einige Meilen lang mit Schottersteinen übersät. Auf der letzten Meile zischt es plötzlich unter meinem Stiefel und um ein Haar wäre ich auf eine kleine Klapperschlange getreten. Mit der hätte ich hier oben gar nicht mehr gerechnet! Sie ist perfekt getarnt auf dem braun-grauen Boden. 
In Sierra City, einem ebenfalls super kleinen Örtchen, erfahren wir von einem großen Waldbrand, der sich aktuell in Richtung Sierra ausbreitet. Im Ort können wir den Rauch sogar leicht riechen. Hoffentlich bekommen die Fire Fighter den Brand in den Griff... 
Wir übernachten auf dem Grundstück von Susan, die Hiker in ihrem kleinen Holzhaus und ihrem blumenübersäten Garten am Flussufer übernachten lässt. Es gibt echte Federbetten unter Zeltbaldachins, mit Blick auf den Fluss. Ein wahrhaft verzauberter Ort!

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Kommentare: 7
  • #1

    Sabine (Mittwoch, 26 Juli 2017 15:38)

    Toller Bericht mit schönen Bildern....wie immer!
    Da ihr Superwoman dabei habt,kann euch ja nichts passieren.
    LG aus der Heimat
    Mama

  • #2

    Holger (Mittwoch, 26 Juli 2017 15:46)

    Liebe Grüße und vielen Dank für den ausführlichen Bericht! Ein gutes Training für unseren geplanten Madeira-Urlaub! ;-)

    Alles Liebe,
    Euer Papa

  • #3

    Catharina (Mittwoch, 26 Juli 2017 17:20)

    Ihr Lieben, Ihr seid wirklich zu beneiden. Es muss wunderschön sein, ich freue mich schon sehr auf Hennings Berichte. Ganz liebe Grüsse an Euch und Eure Wanderkumpels

  • #4

    lost & found (Donnerstag, 27 Juli 2017 10:45)

    Wunderschöne Bilder und herrliche Erlebnisse. Ist es nicht schön immer wieder diese selbstlose Unterstützung? Und immer wieder grüßt die Klapperschlange.

    Liebe Grüße an alle.
    Euer lost & found.

  • #5

    Anke und Rudolf (Donnerstag, 27 Juli 2017 19:11)

    Ihr Lieben, was seid ihr für Tausendsassa! Wie schön, dass ihr euch diesen Traum erfüllen könnt und dabei offensichtlich auch reichlich Spaß neben den Strapazen habt - so soll es sein! Euer Kumpel Flatfoot erinnert uns auf den Fotos immer an Bud Spencer, ist da was dran? Macht weiter so und schreibt bald wieder mal, wir freuen und sehr. LIebe Grüße aus Eimsbüttel von Anke und Rudolf

  • #6

    Annkatrin (Freitag, 28 Juli 2017 06:06)

    @Anke & Rudolf:
    Da ist absolut was dran :-) Wir haben Flatfoot auch schon Bud Spencer Szenen gezeigt (die Filme sind ja in den USA nicht bekannt).
    Liebe Grüße nach Hamburg

  • #7

    torso (Freitag, 01 September 2017 10:33)

    Liebe Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf ich muss sagen, das Lagerfeuerfoto ist mein absolutes Lieblingsbild! Noch ein Monat.. alles leibe euch zweien für den Endspurt :-)

 

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