Snoqualmie Pass bis Stevens Pass

Perfektes Timing! Als wir Snoqualmie verlassen, ist das erste mal seit Tagen wieder die Sonne hinter den Rauchwolken zu sehen. Der Wind hat gedreht und pustet nun den Rauch zurück nach Osten und plötzlich zeigen sich herrlichste Bergpanoramen rund um den kleinen Skiort, der zuvor so bedrückend verraucht erschien. In drei Tagen soll der Wind wieder zurück drehen, also schnell los und das Zeitfenster nutzen.
Manchmal bereitet die Navigation in der Zivilisation jedoch mehr Schwierigkeiten als in der Wildnis. Es kostet uns doch tatsächlich anderthalb Stunden, um vom Snoqualmie Pass aus den Trailhead zum Snow Lake zu finden. Die Beschreibung des Hotelangestellten war etwas irreführend, und wir haben – gutgläubig wie wir sind – unsere Karten ignoriert und angenommen, die Einheimischen wissen schon wo's lang geht... Natürlich stellt man so einen Irrtum immer am Ende eines langen Abstiegs fest :-) 
 
Als wir endlich am Trailhead ankommen, beginnt sofort der nächste steile Aufstieg hoch zum Snow Lake. Wir blicken nochmal auf den (nun allzu gut bekannten) Ort hinunter, dann geht es über den ersten Pass und wir sind wieder vollends von der Wildnis umgeben. Vor uns liegt die Alpine Lakes Wilderness. Mit all ihren wunderschönen Seen. Und all ihren schroffen Bergen. 
Gegen Nachmittag erreichen wir Snow Lake. Die Wolken hängen tief und der See ist kaum unter dem weißen Dunst zu erkennen. Wir rasten am Ufer und baden im glasklaren Wasser. Auch die kleineren Tiere lieben den Bergsee: neben uns pfeift ein Pika (auch Pfeifhase genannt), sehr zutrauliche Vögel fischen im Wasser gleich zu unserer Linken und Streifenhörnchen rasen die Hänge hoch und runter. Ein Ort zum Verweilen... Aber wir wollen ja schließlich Kanada erreichen, also weiter.
Es folgt ein schotteriger Abstieg zum Burned River, der es wirklich in sich hat. Steinlavinen haben die steilen Serpentinen zum Teil verschüttet oder rutschige Abbruchkanten hinterlassen. Vorsichtigen Schrittes geht es hinunter, der Abstieg kostet uns mehrere Stunden. Ein paar Schlangen sind ebenfalls auf dem Weg ins Tal. Dann laufen wir noch einige Meilen durch eine dschungelartige, feuchte Landschaft bis zum brausenden Snoqualmie River.
Und um diesen Tag der Tierbegegnungen komplett zu machen, haben wir nachts auch noch Mausebesuch im Zelt. Eigentlich sind wir sehr vorsichtig und hängen pflichtbewusst jeden Abend unser Essen inklusive Zahnbürsten etc. in die Bäume – sowohl wegen der Bären als auch der Nager. Die Spitzmäuse haben es jedoch auf meine Klopapierrolle abgesehen. Zum Isolieren ihres Winterlagers, wie wir am nächsten Morgen feststellen dürfen. Sie beißen ein Loch in unser Innenzelt und transportieren so lange einzelne Fetzen ab, bis ich davon aufwache, dass etwas über meinen Arm läuft. Die Konsequenz: ein flauschiges Winterquartier für die Mausefamilie und fünf Tage kein Klopapier für mich.
 
Der nächste Tag bringt Regen mit sich. Ein echter Segen für die vielen Waldbrände! Auch wir freuen uns zunächst über die Abkühlung. Nach zwei Stunden auf dem überwucherten Trail sind die Schuhe jedoch klitschnass (Gore-Tex hilft nicht viel, wenn das Wasser beim Durchstreifen der Büsche von oben in die Stiefel rinnt), bei jedem Schritt hört man fröhliche Sabschgeräusche, und nach fast fünf Stunden und der Überquerung des windigen Dutch Miller Gaps sehnen wir uns die Sonne herzlichst zurück. Aber die lässt noch bis zum nächsten Mittag auf sich warten. Durch die Kondensfeuchtigkeit im Zelt und Dauerregen draußen trocknen unsere Socken und Klamotten natürlich nicht, also am nächsten Morgen wieder rein in die nasskalte Ausrüstung. Hach, ist das Outdoorleben nicht herrlich?
 
Nach einem weiteren Tag durch die Alpine Lakes Wilderness kann ich diese Frage wieder mit einem zutiefst überzeugtem JA! beantworten. Während sich der PCT die nächsten Tage kontinuierlich bergauf und bergab schlängelt, passieren wir einen See nach dem anderen und jeder für sich ist besonders: da wären beispielsweise die Deception Lakes hinter dem gleichnamigen Pass; der unglaublich klare Glacier Lake, umgeben von großen Felsen auf denen man sich wunderbar sonnen und die Stille genießen kann; die Hyatt Lakes, deren Ufer von grünen Wiesen und Wollgras umgeben sind; der kleine tiefblaue Trap Lake in mitten eines atemberaubenden Bergpanoramas oder Migs Lake, an dessen Ufer wir campen, umgeben von einem Meer aus überreifen Blaubeeren. Die Alpine Lakes Wilderness macht ihrem Namen wahrlich alle Ehre! 
 
Um zum Stevens Pass zu gelangen steigen wir schließlich noch einen langen Skihang hoch – der dritte Anstieg an diesem Tag, während neben uns der bequeme Sessellift zur Bergspitze seine Sommerpause ausharrt. Auf der anderen Seite geht's dann wieder fröhlich bergab bis zur kleinen Bergstation, dem Stevens Pass. Im Sommer ist die Gegend bei Mountainbikern sehr beliebt und auch jetzt, am Ende der Saison, rasen noch ein paar Biker die Hänge runter.
 
Bevor wir die nächste, sehr lange Etappe nach Stehekin in Angriff nehmen, werden wir einen Tag in Leavensworth "Klein Bayern" verbringen. Der Ort wurde einem bayrischem Dorf nachempfunden (oder der Idee, wie sich die Amerikaner ein bayrisches Dorf vorstellen). Sehr amüsant! Da am Wochenende der erste Schnee vorhergesagt ist, müssen die Laufshorts nun langsam gegen lange Hosen ausgetauscht werden. Außerdem wollen wir die Entwicklung des Diamond Creek Feuers checken, bevor es weiter geht. – Noch 200 Meilen (320 km) bis zum Ziel...

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Kommentare: 4
  • #1

    Sabine (Donnerstag, 14 September 2017 17:43)

    Fantastische Landschaft!!
    Geniesst die verbleibende Zeit.
    Liebe Grüsse Mama

  • #2

    Salamander (Donnerstag, 14 September 2017 19:30)

    Das Bild vom Rauch, der ins Tal zieht, ist klasse! Hattet ihr tatsächlich mitten in der Wildnis eine heiße Dusche? Oder war das jetzt ein Witz?

  • #3

    Catharina (Donnerstag, 14 September 2017 22:08)

    Wieder so tolle Bilder! Ihr seid zu beneiden! Nur nicht beim feuchtkalten Abstieg im Regen. Und Ihr schafft es!!!! Eure Salamander Mutti

  • #4

    Nico & Yvi (Donnerstag, 21 September 2017 15:39)

    Hey ihr Zwei,
    na da muss ich euch dann wohl ein neues Zelt organisieren, wenn die "Nager" das alte zum Fressen gern haben... ;-)). Passt schön auf euch auf und Toi Toi Toi für die letzten Kilometer.

    Liebe Grüße und seid herzlich gedrückt, Nico

 

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