Stevens Pass bis Kanada

Der letzte Abschnitt des PCTs führt uns zunächst in einer Woche vom Stevens Pass bis nach Stehekin, und von dort in weiteren 5,5 Tagen bis nach Manning Park, Kanada. 

 

Als wir Stevens Pass verlassen ist es noch sommerlich warm, doch schon kurz darauf sinken die Temperaturen rapide und die nächsten drei Tage genießen wir den farbprächtigen Indian Summer in den Bergen. Vor allem die Blaubeersträucher leuchten durch den ersten Frost nun in einem kräftigen Rostrot. Wir wandern durch die Glacier Peak Wilderness und weiter hoch zum Red Pass. Die weite Landschaft mit vielen Gletschern und Seen ist fantastisch. Außerdem können wir viele Tiere beobachten, die eifrig Gräser und Moose für ihr Winterlager sammeln. Besonders putzig ist ein erstaunlich zutrauliches Murmeltier, das immer wieder neugierig aus seinem Bau herauskommt und sich jedes mal etwas näher an uns heran wagt, bis es direkt neben uns sitzt.

 

Am dritten Abend treffen wir zwei andere Hiker, die wir zuletzt in Nordkalifornien gesehen haben. Sie erzählen, dass sie am Nachmittag einen Ranger getroffen haben, der sie vor Neuschnee in den Bergen gewarnt hat. Wir sind alle etwas besorgt, angesichts der plötzlich so kalten Temperaturen. Vor uns liegen noch drei große Berge und Pässe bis wir Stehekin erreichen.

Am darauf folgenden Tag haben wir gerade den ersten Aufstieg geschafft und blicken auf die gegenüberliegenden Gletscher, als der erste Regen einsetzt. Kurz darauf schüttet es wie aus Kübeln während wir uns an den langen Abstieg machen. Nach vier Stunden bauen wir klitschnass unser Zelt auf, kochen noch schnell draußen im Regen (im Zelt essen geht ja wegen den Bären nicht) und hoffen darauf, dass es am nächsten Tag besser wird...

Am nächsten Morgen wachen wir jedoch wieder zum Prasseln des Regens auf unserem Zeltdach auf. Als wir aus dem Zelt kriechen, sehen wir, dass die Berge mit Neuschnee bedeckt sind. Wir machen uns an den nächsten großen Aufstieg. Ab etwa 4500 feet verwandelt sich der Regen in Schnee. Verrückt, wo doch vor drei Tagen noch so sommerliche Stimmung herrschte! Meine angeblich wasserdichten Stiefel füllen sich zunehmendst mit Schmelzwasser – sie sind einfach schon viel zu durchgelaufen und zerlöchert, und die nächsten Morgende kostet es einige Überwindung bei Frost in die nasskalten Socken und Stiefel zu steigen. Der Regen hält drei Tag an. Wir machen kaum Pausen und versuchen beim Laufen warm zu bleiben. Es geht weiter über den letzten Berg vor Stehekin und dann in einem langen Abstieg über mehr als 30 km runter ins Tal. Nach einer Woche erreichen wir die High Bridge Ranger Station, von wo aus ein kleiner, roter Shuttlebus die 11 Meilen nach Stehekin fährt. 

 

Entlang des PCTs sind fast alle Orte sehr, sehr klein, aber hier in den North Cascades ist man wirklich in einer extrem abgeschiedenen Gegend. Stehekin ist ein verträumtes Örtchen inmitten wilder Natur und ab sofort ganz hoch auf der Liste meiner liebsten Orte! Um hierher zu gelangen, kann man entweder, wie wir, einige Tage lang über die Berge steigen oder aber auf dem Wasserwege anreisen; Straßen in andere Orte gibt es keine. Das beste an Stehekin ist jedoch der fanatastische Ausblick auf die umliegenden Berge und Lake Chelan, den größten natürlichen See Washingtons.

Einige Meilen außerhalb des Ortes hat ein Paar (ehemalige PCT Hiker, die sich ebenfalls in die Gegend verliebt haben) eine rustikale, urig eingerichtete Bäckerei eröffnet, in deren Auslage es allerlei frisch gebackene Pies, Kuchen und Herzhaftes gibt—alles ganz liebevoll gemacht, nicht die typische Auswahl der städtischen Bäckereiketten. Der Bus hält unterwegs eine viertel Stunde an der Bäckerei und macht uns hungrige Hiker damit sehr glücklich! 

Im Ort gibt es eine Lodge, deren Rezeption zugleich der General Store ist, ein Post Office und ein Nature Center. Hiker dürfen umsonst campen und in einem kleinen gelben Holzhaus stehen Waschmaschine, Trockner und eine Dusche zur Verfügung. Wir bleiben einen Tag, trocknen unsere Ausrüstung und Klamotten und genießen die wundervolle Aussicht auf Lake Chelan von der großen Veranda vor dem Store aus. Im Post Office wartet außerdem unser letztes Versorgungspaket. 

Dann geht es weiter: die letzte Etappe nach Kanada. 

 

Von der High Bridge Ranger Station führt der Trail 25 Meilen lang kontinuierlich bergauf. Am zweiten Morgen passieren wir Rainy Pass — zum Glück bei Sonnenschein. Dann geht es weiter hoch auf einen spektakulären Pass mit dem ermutigenden Namen Cutthroat Pass. Wir genießen noch einen Tag das trockene, aber auf den Hochebenen sehr kalte Wetter, bevor es auf dem Weg zum Harts Pass wieder zu regnen anfängt. Es ist, als würde uns das Wetter sagen wollen: los jetzt, Zeit in Kanada anzukommen! Am Harts Pass gibt es eine kleine Ranger Station mit Camp, wo wir eine eisige Nacht verbringen. Die Schlafsäcke werden einfach nicht mehr richtig trocken. Obendrein schließen nun auch die Reißverschlüsse unseres Innenzelts nicht mehr und somit teilen wir unser Lager regelmäßig mit Mäusen und diesen langbeinigen Waldspinnen. 

 

Nach dem Aufstieg über Harts Pass folgt eine schöne alpine Strecke mit Blick auf die schneebedeckten Gipfel. Die Wolken hängen so tief, dass man zwischenzeitlich komplett im Nebel steckt und die Luft ganz nass ist. Wir zelten relativ hoch, zusammen mit ein paar anderen Hikern. Am nächsten Morgen wachen wir in dickem Nebel auf, doch sobald wir zusammengepackt haben und ein paar hundert Meter aufgestiegen sind, befinden wir uns plötzlich über den Wolken in herrlichstem Sonnenschein. Unser vorletzter Tag auf dem Trail beschenkt uns mit einem blauen, klaren Himmel und einer wunderschönen Strecke entlang der zackigen Bergmassive der North Cascades, die den Abschied nicht gerade leichter macht... 

Dann geht es runter zum Northern Terminus, einem hölzernen Monument, das auf der Grenze zwischen den USA und Kanada steht und das nördliche Ende des PCTs markiert. Es sieht genauso aus wie sein Gegenstück an der mexikanischen Grenze, wo wir vor fünfeinhalb Monaten gestartet sind, nur diesmal eben mit kanadischer Flagge. Der Grenzstreifen selbst besteht einfach aus einer etwa 5 Meter breiten, in den Wald geschlagenen Schneise, lustig. Neben dem Monument liegt das vom Regen durchweichte PCT Thruhiker Register, in dem auch wir uns nun verewigen. "PCT 2017 — Ice & Fire" ist das diesjährige Motto, natürlich :-)

 

Wer kein Thruhiker Permit für Kanada hat, muss an dieser Stelle umdrehen und zurück zum Harts Pass laufen. Für alle anderen sind es noch 8 Meilen bis nach Manning Park. Wir campen kurz hinter dem Monument auf kanadischer Seite und laufen die letzten 8 Meilen in aller Stille am nächsten Morgen. Einmal geht es noch rauf in die Berge und durch den schönen Herbstwald. Dann stehen wir vor der Tür des Manning Park Resorts. Und damit ist es geschafft!!! 

 

Fünfeinhalb Monate in der Natur — was für ein unvergessliches Abenteuer. Wir sind super glücklich, es hierher geschafft zu haben und unendlich dankbar für diese intensive Zeit in der Wildnis, all die wunderbaren Begegnungen mit anderen Hikern, Trailangeln und den vielen hilfsbereiten und offenherzigen Menschen, die uns unterwegs begegnet sind. 

Einerseits freuen wir uns riesig auf unsere Freunde und Familie daheim und andererseits wünschten wir, wir könnten einfach immer weiter wandern...

 

Thanks so much, PCT 2017!!!

 

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Kommentare: 7
  • #1

    Nico & Yvi (Freitag, 29 September 2017 09:56)

    Ihr habt es doch tatsächlich geschafft, wir sind hier alle ganz stolz auf euch!
    Chapeau vor so einer Leistung.
    Geniesst bloß die letzten Tage draussen, ich wünsche euch eine gute Rückreise und freue mich schon auf euch und eure 1001 Geschichten :-)))

    Liebe Grüße aus der alten Heimat, Nico und die Globies

  • #2

    lost & found (Freitag, 29 September 2017 14:19)

    Gratulation !!! Ihr habt euch einen Platz im Hikerolymp verdient. Liebe Grüße an Alle.

    lost & found

  • #3

    Sabine (Freitag, 29 September 2017 14:46)

    Moin,moin meine Thruhiker!
    Bin so stolz auf euch und eure Leistung.
    2668,8 Meilen auf dem Trail und ihr strahlt noch so
    viel Energie aus.Vielen Dank für den so bildlich geschriebenen Blog
    und bis in einigen Tagen.
    Mama

  • #4

    Catharina (Samstag, 30 September 2017 18:23)

    Ihr Lieben, ich beglückwünsche Euch zu Eurem Erfolg. Gleichzeitig seid Ihr zu beneiden, dass Ihr Euren Traum gelebt habt! Wer wünschte sich nicht, in wundervoller Natur immer weiter zu wandern... Ich freue mich auf Eure Rückkehr! Eure Salamander Mami

  • #5

    Hanna (Samstag, 30 September 2017 23:22)

    Yeahh, ihr habt es geschafft, es ist unglaublich, großartig.
    Herzlichen Glückwunsch, welch eine Leistung.

  • #6

    Anke und Rudolf (Dienstag, 03 Oktober 2017 16:35)

    Ihr Lieben,
    es liest sich auf dem Sofa ja sehr fantastisch, aber in Natura hätte ich auch in jüngeren Jahren nicht mal 30 km geschafft - von Bergen dabei gar nicht zu reden. Auch in kalte, nasse Schuhe zu steigen und im Regen zu laufen, verlangt schon sehr viel Willen und beste Gesundheit , deswegen:
    Herzlichen Glückwunsch und großen Respekt vor eurer Leistung, dem Durchhaltevermögen und den Kräften, die ihr freigesetzt habt!
    Wir freuen uns sehr auf ein Wiedersehen in Eimsbüttel o.ä.
    Guten Flug und herzliche Grüße
    Anke und Rudolf

  • #7

    Sonja Schmidt (Sonntag, 17 März 2019 10:42)

    Hallo ihr beiden,
    ich bin durch das aktuelle Globetrotter Magazin auf euch aufmerksam geworden und ganz begeistert von euren Abenteuern. Ab jetzt weerde ich euch gerne durch die Welt folgen.
    Herzliche Grüße
    Sonja aus Norderstedt ;-)

 

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